Kann ich einen Termin für die Zulassung meines Autos kaufen? Na klar! Optimale Allokation über Preise…

Lange auf einen Termin für die Zulassung meines Autos warten müssen? Nein, das will ich nicht. Und ich freue mich über das Angebot, einen früheren Termin kaufen zu können. Oder?

(Bildquelle: http://www.rbb-online.de/politik/beitrag/2015/04/kfz-zulassung-handel-mit-terminen.html)

In Berlin gibt es schon länger einen „Terminhandel“.

„Senat bestätigt Handel mit Bürgeramt-Terminen
Dass in Berlins Bürgerämtern die Termine knapp sind, hat einige Privatleute zu einem Geschäftsmodell inspiriert: Sie verkaufen vorab reservierte Termine an Suchende. Diesen Missstand bestätigte nun die Innenverwaltung in ihrer Antwort auf eine kleine Anfrage der Piratenpartei. Mögliche Konsequenzen würden überprüft.
Privatleute haben die Terminknappheit in Berlins Bürgerämtern zu nutzen gelernt: Sie handeln mit vorab reservierten Terminen. Das bestätigte der Staatssekretär für Inneres, Andreas Statzkowski, nach einer Anfrage der Piratenpartei zumindest für ein Amt: „Dem Senat ist aus einem von vierzig Bürgerämtern bekannt, dass vor Ort vereinzelt von Privaten Termine zum Kauf angeboten wurden“, so die Antwort in der schriftlichen Anfrage vom 8. Juni.
Zudem gebe es ein privates Internetangebot für Bürgeramtstermine, das bezahlt werden muss. Dort würden Termine für die Beantragung eines Reisepasses oder Personalausweises oder zur Anmeldung einer Wohnung verkauft. „Der Senat prüft derzeit die möglichen technischen und rechtlichen Konsequenzen“, erklärte Statzkowskis in seiner Stellungnahme.“ Quelle: http://www.rbb-online.de/politik/beitrag/2015/07/verkauf-von-buergeramt-terminen.html (Neu ist die Angelegenheit nicht, siehe den Beitrag von Barbara Klopp vom 17.04.2015).

Wenn die Zeit doch ein knappes Gut ist, jedenfalls habe ich das in meinem Studium der Wirtschaftswissenschaften gelernt, dann stellt sich die Frage, ob eine Koordination über Preise nicht auch für die Zuteilung von Terminen die effizienteste Form wäre. Am besten eine öffentliche Versteigerung von Terminen?

Der Philosoph Michael Sandel wendet (in seinem Buch „Was man für Geld nicht kaufen kann – die moralischen Grenzen des Marktes . Berlin: Ullstein 2012) allerdings unter anderem ein, dass Menschen unterschiedliche finanzielle Mittel haben und hieraus  Ungerechtigkeit entsteht. Die Ärmeren müssen länger warten als die Reicheren. Aber ist das nicht generell ein Zustand, den die meisten von uns als Normalzutand akzeptieren? Wenn ich das Geld nicht habe, kann ich mir eben die Villa, die Yacht, den Computer oder auch das Essen – zumindest im Restaurant – nicht ohne weiteres „leisten“. Was ist daran ungerecht? Oder sollte man so weit gehen, dass Ungleichheit grundsätzlich ethisch problematisch ist, zumindest dann, wenn sie ein bestimmtes Ausmaß übersteigt? Ab welchem Ausmaß wollen wir Ungleichheit nicht mehr akzeptieren?

Oder sollte man, wie Sandels Überlegungen es nahelegen, bestimmte Güter und Dienstleistungen vom Handel, vom Markt, ausnehmen? Termine bei öffentlichen Ämtern wären dann nicht käuflich und handelbar. Allerdings müssten wir Kriterien haben, die uns erlaubten, zu entscheiden, was „der Markt regeln“ (was „die Märkte nicht alles so machen“, … vgl. dazu auch den Blogbeitrag von Ronald Hartz mit entsprechenden Verweisen ) soll und was nicht.

Lösungen sind nicht leicht zu finden. Die Antwort kann aber nicht sein, dass Märkte alles besser regeln und daher bei Koordinationsproblemen nur in diese Richtung zu suchen ist. Ein Verbot des Handels mit Terminen wäre doch schon mal ein guter Ansatz.

Reichsein macht reicher, armsein ärmer. DIW Berlin: „Einkommensungleichheit verharrt auf hohem Niveau.“ Acht Fragen an Markus Grabka

„Einkommensungleichheit verharrt auf hohem Niveau.“ Acht Fragen an Markus Grabka

Herr Grabka, Sie haben die Einkommensungleichheit in Deutschland analysiert. Ist die Schere zwischen arm und reich weiter auseinandergegangen?

Schaut man sich die Entwicklung seit dem Jahr 2000 an, so kann man eindeutig sagen, dass die Schere zwischen den ärmeren und reicheren Einkommensschichten auseinandergegangen ist. Die oberen zehn Prozent der Einkommensbezieher haben in diesem Zeitraum reale Einkommenszuwächse von mehr als 15 Prozent erzielt. Die breite Mittelschicht stagniert mit ihren Realeinkommen, während die unteren 40 Prozent sogar reale Einkommensverluste erlitten haben.

via DIW Berlin: „Einkommensungleichheit verharrt auf hohem Niveau.“ Acht Fragen an Markus Grabka.

Kann man die Staatsbürgerschaft und das Aufenthaltsrecht in einem Staat kaufen?

Ja, kann man. Malta verkauft die Staatsbürgerschaft für 1,15 Mio. Euro – so „DIE ZEIT“ (vom 29.4.2015, S. 28). Neu ist das nicht:

„Malta steht nicht allein. Auch Zypern verkauft seine Staatsbürgerschaft für drei Millionen Euro. Billiger ist es in Bulgarien: Wer 500.000 Euro investiert, kann ohne Sprachkenntnisse eingebürgert werden. Großbritannien vergibt gegen eine Investition von einer Million Pfund zunächst ein Visum, nach fünf Jahren unbegrenztes Aufenthaltsrecht und nach sechs Jahren den Pass. Auch Österreich verkauft EU-Pässe gegen Millionen-Investitionen…“ (Die Welt, Online-Ausgabe vom 22.8.2014]])

Siehe dazu auch das Video von Michael Sandel.

„Wall Street bonuses twice the income of all minimum wage workers“

„1,007,000 Americans working full-time earn the federal minimum wage of $7.25 per hour. All of that pay, to all of those people, for all of 2014 adds up to $14 billion dollars. And that is less than half of what employees on Wall Street earned in bonuses alone.“ (Source: http://thesocietypages.org/socimages/2015/04/18/wall-street-bonuses-twice-the-income-of-all-minimum-wage-workers/)

Germany – Chartbook of Economic Inequality

Max Roser gives an „Overview of Trends of Economic Inequality in Germany„. This is his summarizing interpretation of the data, see also his wonderful chart.

Has the dispersion of earnings been increasing in recent decades? – Yes, top decile has risen from 150 per cent of median in 1950s to 190 per cent at end of 2000s.
Has overall inequality increased in recent years? – Yes, the Gini coefficient in 2010 was 3 percentage points higher than in 1998.
Have there been periods when overall inequality fell for a sustained period? – Overall inequality (and poverty) fell over the 1960s and 1970s.
Has poverty been falling or rising in recent decades? – Poverty rate increased from 10 per cent to 15 per cent between 1998 and 2010.
Has there been a U-pattern for top income shares over time? – No, top gross income shares were relatively stable over post-war period.
Has the distribution of wealth followed the same pattern as income? – Yes, Gini coefficient of individual wealth fell 10 percentage points from 1973 to 1993 and then began to rise.“

via Germany – Chartbook of Economic Inequality | Source: Blog post by Max Roser

Robert Reich

„According to the Institute for Policy Studies, the $26.7 billion of bonuses Wall Street banks paid out last year would be enough to more than double the pay of every one of America’s 1,085,000 full-time minimum wage workers.“

via Robert Reich.

Affen sind auch nur Menschen – sie wollen gleichen Lohn für gleiche Arbeit

Was geschieht, wenn man zwei Affen für dieselbe Aufgabe unterschiedlich entlohnt?

Was würde die Equity-Theorie (Adams, J. Stacy (1965): Inequity in social exchange. In: L. Berkowitz (Hg.): Advances in Experimental Social Psychology, Bd. 2. New York: Academic Press., S. 267–299) prognostizieren, wenn Menschen für dieselbe Leistung unterschiedlich entlohnt werden? Zunächst einmal würde ein Gefühl der Ungerechtigkeit entstehen, Unzufriedenheit und eine Verhaltenstendenz, diese Unzufriedenheit zu reduzieren. Adams diskutiert unterschiedliche Möglichkeiten, die Menschen ergreifen, um die Unzufriedenheit zu reduzieren, und auch, wovon es abhängt, auf welche Weise man dies tut. Die Forderung nach „gleichem Lohn für gleiche Arbeit“ ist eine Reaktionsmöglichkeit. Andere Möglichkeiten bestehen etwa darin, dass wir uns einreden, dass die Ungerechtigkeit eigentlich keine sei. Menschen sind recht erfinderisch, sich Ungerechtigkeiten „wegzuerklären“. Etwa so: Vielleicht hat die Vergleichsperson doch mehr geleistet? Oder ich selbst „eigentlich“ doch weniger geleistet?

Das schöne Video ist ein Ausschnitt aus einer sehr sehenswerten, längeren Präsentation von Frans de Waal. Es zeigt anschaulich, wie unsere „engsten Verwandten“  spontan auf Ungerechtigkeit reagieren – wie wir. Wir verstehen sofort, wie der Affe sich fühlt, wie er verfügen wir über die Fähigkeit zur Empathie. (Eine interessante Frage ist, ob Affen in der Lage sind, kognitive Manipulationen vorzunehmen, um sich Ungerechtigkeit wegzuerklären und sie besser zu ertragen. Ich vermute, dass Affen das wenigstens ansatzweise können.)

„Ich betrachte Menschen als Tiere. Sie mögen komplizierte Tiere sein, aber bei Veranlagungen, die wir mit vielen anderen Tieren teilen – Wettbewerbsstreben, Dominanz, Empathie, Altruismus, Territorialität -, ist schwer vorstellbar, dass sie nichts mit unserer Evolution zu tun haben sollen.“ (Quelle: Frans de Waal in einem Interview; http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/verhaltensforscher-frans-de-waal-wir-sind-sehr-soziale-tiere-11107054.html)

(I found the link to the video in a post on Adbusters.org; thanks for that.)