Arbeitswelten der Zukunft – Interview mit Stefan Lücking zum Wissenschaftsjahr 2018

Stefan Lücking stellt Szenarien über die Arbeitswelt der Zukunft vor und betont die Rolle von Regulierungen (Vereinbarungen). Mehr findet man hier: https://www.wissenschaftsjahr.de/2018/neues-aus-den-arbeitswelten/
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„Neues ökonomisches Denken“

Zum „Neuem ökonomischen Denken“ findet am 29. Oktober von 16-18 Uhr auf dem diesjährigem NRW-Dialogforum  ein Panel statt. Dort stellen sich vier junge Institutionen vor, die  sich einer pluralen Ökonomik verschrieben haben und in den letzten  Jahren u. a. in NRW entstanden sind. In einem World Café soll  diskutiert werden, wie diese zu einer besseren Bildungs- und  Wissenschaftslandschaft in Bezug auf ökonomisches Denken beitragen und  welche institutionellen Herausforderungen sich hierbei stellen.

Folgende Institutionen kann man im World Café kennenlernen:
Master Plurale Ökonomik, Universität Siegen
Cusanus Hochschule, Bernkastel-Kues
Institut für Sozioökonomie, Universität Duisburg-Essen
Institut für zukunftsfähige Ökonomien, Bonn

Neben diesem Programmpunkt findet am 29. Oktober ab 10 Uhr eine  
Keynote und eine Podiumsdiskussion mit ausgewählten Referent*innen  
statt. Weitere Informationen finden auf  
http://nrw-dialogforum.de/programm-2018

Wem gehört die Welt? Vortrag von Prof. Werner Nienhüser am 4.10.2018 in Haltern am See

Vortrag von Prof. Dr. Werner Nienhüser am 4.10.2018 in Haltern am See

Wem gehört die Welt? Eigentums- und Machtkonzentration bei Großunternehmen – und was man dagegen tun kann

Das Eigentum an großen Unternehmen konstituiert gesellschaftliche Macht. Wem gehören die großen Unternehmen? Wer profitiert von ihrer Wertschöpfung? Eigentümer und Profiteure sind vor allem Finanzunternehmen. So kontrollieren allein zwei Finanzunternehmen (Blackrock und Capital Group) in Deutschland 11 Prozent und in den USA 23 Prozent aller Aktienwerte  der 200 größten Unternehmen. Der Vortrag berichtet allgemeinverständlich über Eigentümerstrukturen, erläutert die Wirkungen der Konzentration von Unternehmensvermögen und diskutiert mögliche Gegenmaßnahmen. Alle ZuhörerInnen sind herzlich willkommen.

Werner Nienhüser ist Professor für Arbeit, Personal und Organisation an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen (mehr Informationen über den Referenten finden Sie hier: http://www.udue.de/wn).

Hintergrund

Der Vortrag hat seinen Ausgangspunkt in einem gemeinsamen Forschungsprojekt mit Prof. David Peetz und Prof. Georgina Murray (beide Griffith-Universität in Brisbane, Australien) über die Frage, wie sich die letzte Finanzkrise auf die Eigentümerstrukturen der großen Unternehmen ausgewirkt hat. Ein Befund ist, dass die Konzentration finanzieller Macht seit der Finanzkrise zugenommen hat.

Ausgewählte Veröffentlichungen aus dem Projekt

  • Peetz, David; Murray, Georgina; Nienhüser, Werner (2013): The New Structuring of Corporate Ownership. In: Globalizations 10 (5), S. 711–730.
  • Murray, Georgina (2014): We are the 1 %: Über globale Finanzeliten. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (15), S. 15–22. Online verfügbar unter http://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/APuZ_2014-15_online_v2.pdf.
  • Nienhüser, Werner; Peetz, David; Murray, Georgina (2016): Wem gehören die großen Unternehmen? Restrukturierung des Eigentums während der Finanzkrise in Deutschland und den USA = Who owns the big corporations? In: WSI-Mitteilungen 69 (8), S. 584–594.
  • Peetz, David; Murray, Georgina (2017): Who owns the world? Tracing half the corporate giants’ shares to 30 owners. In: The Conversation. Online verfügbar unter https://theconversation.com/who-owns-the-world-tracing-half-the-corporate-giants-shares-to-30-owners-59963.

Aufsatz kostenlos zum Download: Mord an Gewerkschaftsmitgliedern als Mittel des Arbeitskampfes? Der Fall Kolumbiens

Mehr als 3000 Gewerkschaftsmitglieder wurden in Kolumbien in den letzten vier Jahrzehnten ermordet. Rainer Dombois† und Jeannette Quintero Campos berichten in ihrem Aufsatz „Im Labyrinth der Gewalt. Gewerkschaften im kolumbianischen Bürgerkrieg“ über den Einsatz von physischer Gewalt als extremste Form des Arbeitskampfes. Der Aufsatz ist in der Zeitschrift „Industrielle Beziehungen“ erschienen und kostenlos zum Download erhältlich (wir danken ganz herzlich dem Verlag Barbara Budrich).

Lesen Sie hier das Abstract des Aufsatzes.

„In keinem Land der Erde sind in den letzten Jahrzehnten Gewerkschaften derart von physischer Gewalt getroffen worden wie in Kolumbien. Zwischen 1977 und 2015 wurden über 3000 Mitglieder ermordet. Größer noch ist die Zahl derer, die verschleppt, mit dem Tode bedroht, widerrechtlich verhaftet, vertrieben oder anderen Gewalttaten ausgesetzt wurden. Der Internationale Gewerkschaftsbund zählt Kolumbien zu den „World’s Worst Countries for Workers“. Der Beitrag behandelt die Frage, wie die enorme physische Gewalt, der Gewerkschaftsmitglieder in Kolumbien in den letzten Jahrzehnten ausgesetzt waren, mit dem Bürgerkrieg zusammenhängt. Wieweit lassen sich die Gewalttaten aus der Konfliktdynamik der kollektiven Arbeitsbeziehungen erklären? Oder rührt die Gewalt gegen Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter aus der Dynamik des übergreifenden, gewaltsam ausgetragenen gesellschaftlichen Konflikts?“
Literatur / Quellenangaben

Nachtrag am 6.9.2018: Auf LabourNet Germany findet man hervorragende Informationen über die Situation in Kolumbien: http://www.labournet.de/category/internationales/kolumbien/gewerkschaften-kolumbien/lebensgefahr/

„Soziale Bewegungen und industrielle Beziehungen“: Heft 2/ 2018 der Zeitschrift „Industrielle Beziehungen“ ist „Online First“ erschienen

Heft 2/ 2018 der Zeitschrift „Industrielle Beziehungen“ ist „Online First“ erschienen. Die Beiträge des Heftes widmen sich dem Thema „Soziale Bewegungen und industrielle Beziehungen“ (siehe dazu das Editorial der HerausgeberInnen des Schwerpunktheftes).

Folgende Aufsätze finden sich in dem Heft: 

  • Editorial: Sabrina Zajak, Britta Rehder: Soziale Bewegungen und industrielle Beziehungen (Open Access, kostenloser Download)
  • Holm-Detlev Köhler, José Pablo Calleja Jiménez: Soziale Bewegungen und gewerkschaftliche Erneuerung in Spanien
  • Sabrina Zajak, Giulia Gortanutti, Johanna Lauber, Ana-Maria Nikolas: Talking about the same but different? Understanding social movement and trade union cooperation through social movement and industrial relations theories
  • Elisabeth Fink: Transnational Social Movement Unionism als Vitalisierungsstrategie und Chance für Gewerkschafterinnen? Das Beispiel des Bekleidungssektors Bangladeschs
  • Melanie Kryst: Transnationale Bündnisse von Gewerkschaften und NGOs. Strategien in Interaktion
    Oliver Thünken: Bewegung im Betrieb. Organizing-Projekte und die Revitalisierung der industriellen Beziehungen
  • Annett Schulze, Wolfgang Hien, Ernst von Kardorff: Der Beitrag der Neuen Sozialen Bewegungen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz – eine Fallstudie zur Transformation und Verstetigung von Protestkommunikation in (in-)formellen Netzwerken

Socialism in the U.S.?: „Some illuminating Reactions to Elizabeth Warren’s Worker Rights Plan“ – how commentars on the right view #codetermination

„It’s socialism! It’s the death of the economy! It’s… a plan to give employees a few seats on corporate boards.“

With these words Nathan J. Robinson summarizes the comments on the right regarding Elizabeth Warren’s bill (https://www.vox.com/2018/8/15/17683022/elizabeth-warren-accountable-capitalism-corporations) requiring corporations to provide their employees 40% of seats on their board of directors. Right wingers view this very modest proposal for #codetermination as socialism, as a „plan to ’nationalize every major business in the United States,‘ which would be ‚the largest seizure of private property in human history.'“ (https://www.currentaffairs.org/2018/08/some-illuminating-reactions-to-elizabeth-warrens-worker-rights-plan)

The discussion not only in the U.S. press, but also on twitter (#codetermination) is very interesting. I read a lot of arguments we have been discussing in Germany for a long time, and I think the discussion could learn from the German experience of codetermination (Mitbestimmung). There is a lot of literature. The following source summarizes parts of the discussion and provides some references:

Berger, B., & Vaccarino, E. (2016). Codetermination in Germany – a role model for the UK and the US? Retrieved from http://bruegel.org/2016/10/codetermination-in-germany-a-role-model-for-the-uk-and-the-us/

Marx-Ratio. Wiederkehr der Ausbeutungsrate als Indikator (Forschungsskizze #1)

Marx-Ratio. Wiederkehr der Ausbeutungsrate als Indikator1

Vieles ist zu seinem 200. Geburtstag über Karl Marx und seine Theorien geschrieben worden. Besonders beeindruckt hat mich ein recht schlichter Vorschlag von Neil Irvin (Irwin 2018), der in einem Artikel in der New York Times vorschlägt, die Ausbeutungsrate von Unternehmen zu untersuchen. Irwin spricht vom „Marx Ratio“.

„The Marx Ratio, as we’re calling it, captures the relationship between a company’s profits — the return to capital, on a per-employee basis — and how much its median employee is compensated, a rough proxy for the return to labor. Companies with high Marx Ratios offer particularly strong rewards to their shareholders relative to workers“ (Irwin 2018).

Der Marx-Quotient ist nicht mit der Marx’schen Ausbeutungsrate identisch ist (Ruccio 2018), allerdings sieht auch Ruccio den Quotienten als eine Art Proxy-Variable an. (Vor rund vierzig Jahren hat übrigens das Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF) einen sehr ähnlichen Indikator vorgeschlagen; vgl. Schmidt 1975: 136;  das Buch hat mir in meinem Studium den mir zunächst trocken erscheinenden Stoff der Bilanzanalyse genießbar gemacht.)

Irwin (2018) selbst weist auf einige Probleme des Marx-Ratio hin: Zum einen müsse man den Kapitaleinsatz mit berücksichtigen, zum anderen ergibt die Ausbeutungsrate wenig Sinn, wenn ein Unternehmen Verluste macht. Hinzuzufügen ist, dass sicher auch die Verhandlungsposition der Gewerkschaften und die (regionale) Arbeitsmarktlage einen Einfluss auf den Marx-Quotienten haben dürften. Eine statistische Kontrolle des Effekts solcher Größen ließe sich aber in multivariaten Analysen durchführen.

Forschungsfragen

Interessant wären über die reine Deskription hinaus Antworten auf die folgenden Fragen, die ich in Tabellenform zusammengestellt habe. Die Fragen und Einflussgrößen sind selbstverständlich nicht abschließend gemeint ist, auch sind die Überlegungen wenig theoretisch fundiert und daher ad hoc.

Einflussfaktoren Vermuteter Effekt auf den Ausbeutungsgrad (MR) Operationalisierung
Ausmaß der Mitbestimmung der Arbeitnehmer Mitbestimmungsindex (MB-IX) (Scholz und Vitols 2018)
Staatlicher Einfluss Anteil der Aktien, den staatliche Akteure halten
Einfluss von Finanzinvestoren + Anteil der Aktien, den Finanzinvestoren halten
Familienunternehmen, Personengesellschaften Rechtsform
International tätige Unternehmen + Anteil des Umsatzes (der Mitarbeiter) im Ausland
Sitz des Unternehmens in einem Land, das zu den „Liberal Market Economies“ (Hall und Soskice 2001b) zählt + Land des Unternehmenssitzes
…..

 

Interessant wäre also vor allem der Effekt des Governance-Systems der Unternehmen. Dieses sollte einen Unterschied machen, unabhängig von der Kapitalintensität der Produktion und Unternehmensgröße (economies of scale).

So sollten stärker mitbestimmte Unternehmen (immer ceteris paribus) eine geringere Ausbeutungsrate aufweisen. Wenn denn Mitbestimmung Verteilungseffekte hat, dann müsste man dies anhand des MR sehen können. Eine Messgröße ist hier vor allem der MB-IX, der Mitbestimmungsindex der Hans-Böckler-Stiftung, der nicht nur erfasst, ob Unternehmen mitbestimmt sind, sondern auch die Intensität der Mitbestimmung misst (Scholz und Vitols 2018).

Einen ähnlichen Effekt sollte man für den staatlichen Einfluss finden (wenn nicht, wäre dies zumindest für mich enttäuschend). Ein Beispiel könnte in Deutschland VW sein, ein Unternehmen, das stärker als andere staatlichen Einflüssen unterliegt, ohne ein staatliches Unternehmen zu sein. Die Ausbeutungsrate ist vermutlich auch höher, wenn Finanzinvestoren Einfluss nehmen, ebenso bei Unternehmen, die international tätig sind, bei Nicht-Familienunternehmen, und bei Unternehmen, deren Hauptsitz in einen Land ist, das als Liberal Market Economy anzusehen ist (Hall und Soskice 2001a). Der gemeinsame Mechanismus besteht in den höheren Profiterwartungen der Kapitaleigner.

Erste, sehr explorative und nur deskriptive Analysen mit Daten der AMADEUS-Datenbank (die Informationen über 7 Millionen Unternehmen in 38 europäischen Ländern beinhaltet, siehe Bureau van Dijk; https://www.bvdinfo.com/de-de/our-products/company-information/international-products/amadeus) zeigen zum einen eine erhebliche Varianz im Ausbeutungsgrad. Zum anderen deuten einfache Korrelationsrechnungen darauf hin, dass Unternehmen mit einer hohen Ausbeutungsrate auch weniger Steuern zahlen. Allerdings sind diese Befunde (noch) nicht belastbar, es sind unbedingt tiefergehende Analysen mit Kontrollvariablen (Branche, Rechtsform, Kapitalintensität etc.) erforderlich.

Auf jeden Fall stellt das Marx-Ratio bzw. die Ausbeutungsrate eine interessante Variable dar, zu der Informationen vorliegen, obwohl Daten aus Bilanzen und der Gewinn- und Verlustrechnung in erster Linie vor dem Hintergrund von Kapitalverwertungsinteressen zustande kommen. Aber Ausbeutung ist schließlich ein (objektives) Interesse des Kapitals.

 

Literaturverzeichnis

Hall, P. A.; Soskice, D. (2001a): An Introduction to Varieties of Capitalism. In: P. A. Hall und D. Soskice (Hg.): Varieties of Capitalism. The Institutional Foundations of Comparative Advantage. Oxford: Oxford University Press, S. 1–68.

Hall, P. A.; Soskice, D. (Hg.) (2001b): Varieties of Capitalism. The Institutional Foundations of Comparative Advantage. Oxford: Oxford University Press.

Irwin, Neil (2018): Is Capital or Labor Winning at Your Favorite Company? Introducing the Marx Ratio. In: The New York Times, 21.05.2018. Online verfügbar unter https://www.nytimes.com/interactive/2018/05/21/upshot/marx-ratio-median-pay.html, zuletzt geprüft am 31.07.2018.

Ruccio, David (2018): Marx Ratio. Online verfügbar unter https://rwer.wordpress.com/2018/05/30/marx-ratio/.

Schmidt, Dieter (1975): entschleierte profite. Bilanzlesen leichtgemacht. 3. Aufl. Frankfurt a.M.: Nachrichten-Verlag.

Scholz, Robert; Vitols, Sigurt (2018): Der MB-IX in börsennotierten Unternehmen. Mitbestimmungsreport Nr. 43. Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung.

 

1. Die obigen Überlegungen sind als eine Art Forschungsskizze zu verstehen. Vielleicht werde ich hier künftig weitere solche Skizzen posten, daher die Nummerierung mit #1. (Ein wenig hat mich Stanislaw Lems Idee der Rezension seiner eigenen ungeschriebenen Bücher animiert. Lem jedenfalls hatte mehr Ideen als Zeit, sie auch in Buchform zu realisieren.)