Warum arbeiten Leiharbeiter so hart? – “Why Do Temp Workers Work as Hard as They Do?“

Warum arbeiten Leiharbeiter so hart? Ein Gastbeitrag von Ingo Winkler.

Dieser Frage geht Shinji Kojima in seinem kürzlich erschienenen Artikel “Why Do Temp Workers Work as Hard as They Do?“ nach. Er referiert zunächst die zwei Gründe, welche in der wissenschaftlichen Literatur genannt werden. Zum einen führen die strukturellen Bedingungen von Leiharbeit dazu, dass bei Leiharbeitern ein hoher Arbeitseinsatz zu beobachten ist. Leiharbeiter werden systematisch dem Just-in-time-Prinzip der Verfügbarkeit von Arbeit unterworfen. Sie haben in der Regel nur wenig Macht, um ihre Interessen durchzusetzen, sie werden bei ihrer Arbeit sowohl vom Verleiher als auch vom Entleihunternehmen kontrolliert und sie sind permanent von Arbeitslosigkeit bedroht, da diese Form temporärer Beschäftigung keine Beschäftigungssicherheit garantiert. Diese Bedingungen haben zur Folge, dass Leiharbeiter hohe Arbeitsleistungen erbringen, auch wenn dies zum Teil eher widerwillig geschieht. Zum anderen merkt die wissenschaftliche Diskussion an, dass Leiharbeit verschiedene materielle und kulturelle Anreize beinhaltet, welche zu einem gewissen Commitment der Leiharbeiter zu dieser Art der Beschäftigung und damit zu hoher Arbeitsanstrengung führen. So wird Leiharbeit gegenüber anderen Formen prekärer Beschäftigung bevorzugt, da zum Beispiel durch den Verleiher mehr Möglichkeiten existieren, regelmäßig Zugang zu bezahlten Jobs zu erhalten. Weiterhin besteht die Möglichkeit, durch hohen Arbeitseinsatz ein gewisses Maß an sozialer Anerkennung innerhalb des Entleihunternehmens zu erhalten, und somit die Chance, dem geringen sozialen Status des Leiharbeiters zumindest teilweise zu entfliehen. Schließlich wird auch die „reale“ Chance angeführt, in die Stammbelegschaft eines Entleihunternehmens übernommen zu werden.

Beide Erklärungsansätze liefern jedoch nur ein unvollständiges Bild. Der erste Ansatz verneint die Möglichkeit des eigenständigen strategischen Verhaltens der Leiharbeiter. Die strukturellen Bedingungen von Leiharbeit, so die implizite Annahme, zwingen Leiharbeiter praktisch zu hohen Arbeitsleistungen. Der zweite Ansatz reduziert das Commitment und die Arbeitsleistung von Leiharbeitern auf ökonomische oder soziale Belohnungen. Hierbei wird eine instrumentelle Arbeitsorientierung unterstellt. Nach Shinji Kojima existieren noch weitere, eher subtile Mechanismen, welche die hohe Arbeitsanstrengung von Leiharbeitern erklären.

Auf Basis der Ergebnisse seiner ethnographische Studie bei japanischen Fabrikleiharbeitern argumentiert er, dass die von ihm untersuchten Fabrikleiharbeiter davon überzeugt sind, dass die Bewältigung der physisch und psychisch hohen Anforderungen von Fabrikarbeit essentiell dafür ist, um langfristig als Leiharbeiter bestehen zu können. Dies wird von den Leiharbeitern als Ansporn betrachtet, sich besonders zu engagieren und anzustrengen. Diejenigen Arbeiter, die es durch harte Arbeit schaffen, als Fabrikleiharbeiter zu bestehen, gelten als erfolgreiche Leiharbeiter. Das Meistern der Kunst der Fabrikarbeit durch hohen Arbeitseinsatz hat sich praktisch als Synonym für den erfolgreichen Leiharbeiter etabliert. Es stiftet damit Sinn und führt dazu, dass die Leiharbeiter ein genuines Interesse an der Kunst der Fabrikarbeit bzw. der Kunst als Fabrikarbeiter zu bestehen entwickeln. Damit im Zusammenhang entsteht ein Bewusstsein unter den Leiharbeitern, kompetente, hart arbeitende und somit wertvolle Arbeiter zu sein.

Darüber hinaus argumentiert Shinji Kojima, dass die Leiharbeiter ihre Kreativität und Individualität dazu nutzen, um aktiv der Entfremdung durch die restriktiven strukturellen Bedingungen von Leiharbeit entgegenzuwirken. Die Arbeiter nutzen ihr kreatives Potential dazu, die Kunst der Fabrikarbeit zu erlernen (bzw. je nach Entleihbetrieb zu adaptieren) und individuell zu perfektionieren. Zudem verstehen sie das Ergebnis ihrer Arbeit, z.B. das akkurate Montieren eines Bauteils, als Resultat ihres individuellen Engagements, also ihrer harten Arbeit. Beide Aspekte resultieren in Arbeitsfreude.

Insgesamt führt das hohe Engagement der Leiharbeiter zum Erlernen der Kunst der Fabrikarbeit zu einer Transformation von entfremdender in sinnstiftende Arbeit. Das Erlernen und Perfektionieren der Kunst der Fabrikarbeit lies bei den Leiharbeitern ein Bewusstsein für den Wert ihrer Arbeit entstehen. Sie verstehen sich als kompetente, hart arbeitende Arbeiter, die ein gewisses Maß an Kreativität und Individualität einbringen können und wollen. Dieses Verständnis zieht wiederum einen erhöhten Grad an Commitment zur Fabrikarbeit selbst nach sich sowie die implizite Motivation, weiterhin hart zu arbeiten, da hoher Arbeitseinsatz der Fabrikleiharbeit Sinn verleiht.

Die von Shinji Kojima untersuchten Arbeiter sind natürlich nicht naiv, sondern durchaus in der Lage, die mit Leiharbeit verbunden problematischen Bedingungen (z.B. Diskriminierung durch das Management, Nichtakzeptanz bei der Stammbelegschaft, ein Gefühl von ungerechter Behandlung bei abrupter Beendigung des Einsatzes) kritisch zu reflektieren. Unfaire und schlechte Behandlung seitens der Entleihunternehmen zu erfahren ist für die Fabrikleiharbeiter besonders schmerzvoll, da dies mit ihrem Bewusstsein des kompetenten und hart arbeitenden Leiharbeiters kollidiert.

Insgesamt liefert die Untersuchung einen Anhaltspunkt dafür, dass auch die Arbeit, welche Leiharbeiter in den Entleihunternehmen leisten, für sie einen intrinsischen Wert haben kann. Auch wenn Leiharbeit überwiegend von Zwang und Kontrolle geprägt ist, haben nach Shinji Kojima auch Leiharbeiter den, wie er es nennt, „humanistic drive“ (S. 378), um restringierende und entfremdende Arbeitsbedingungen sozialer, erträglicher und somit für sie sinnvoll zu machen.

Literatur

Shinji Kojima (2015). Why Do Temp Workers Work as Hard as They Do?: The Commitment and Suffering of Factory Temp Workers in Japan. The Sociological Quarterly, 56(2), S. 355-385).

„Mit Werkvertrag, ohne Bürgerrechte “ (Beitrag in der Zeitung „Junge Welt“)

Mit Werkvertrag, ohne Bürgerrechte. Wie Prekarisierung die Mitbestimmung aushöhlt. Eine Untersuchung der Uni Trier (Von Herbert Wulff, in: Junge Welt vom 25.2.2015)

Prekäre Beschäftigung schwächt und untergräbt die betriebliche Mitbestimmung. Das ist die zentrale These eines Beitrags, den Ulrich Brinkmann und Oliver Nachtwey von der Uni Trier in der Fachzeitschrift Industrielle Beziehungen veröffentlicht haben. Demnach bleibt die Institution des Betriebsrats zwar weitgehend intakt. Sie erodiert jedoch, indem Leiharbeit und Werkverträge die Ressourcen der Beschäftigtenvertretung verringern, zugleich aber für eine Ausweitung ihrer Aufgaben sorgen.

Mit der Prekarisierung werden die Marktgrenzen zunehmend in die Unternehmen hinein verschoben, stellen die Wissenschaftler fest. Folge ist nicht nur eine materielle Benachteiligung – während das mittlere Monatsgehalt von Stammbeschäftigten bei 2702 Euro liegt, erhalten Leiharbeitern lediglich 1419 Euro. Zudem haben Leiharbeiter weniger »Bürgerrechte« im Betrieb. Zwar dürfen Leiharbeiter neuerdings die Betriebsräte im Entleihbetrieb wählen, allerdings erst ab einer Einsatzdauer von mindestens drei Monaten. Nach Berechnungen der Autoren schließt das fast ein Drittel der Betroffenen von vornherein aus. Zudem wurde in der Vergangenheit fast die Hälfte der Leiharbeiter, die theoretisch wahlberechtigt gewesen wären, nicht in die Wählerverzeichnisse aufgenommen. Selbst zur Wahl stellen können sich Leiharbeiter im Entleihbetrieb ohnehin nicht.

Für den Betriebsrat des Einsatzbetriebs bedeuten sowohl der strategische Einsatz von Leiharbeit als auch von Werkverträgen eine Beschneidung seiner Ressourcen. In bezug auf Werkverträge belegen Brinkmann und Nachtwey das mit einer Studie aus der Fleischindustrie, wo mittlerweile ein Großteil der Beschäftigten bei Fremdfirmen angestellt ist. Hier haben die Interessenvertretungen noch weniger Einfluß als bei der Leiharbeit. Zum Teil ist sogar die schlichte Kommunikation von Stammkräften und Werkvertragsbeschäftigten untersagt, um dem Verdacht von Scheinwerkverträgen zu begegnen. Demokratietheoretisch formuliert: »Leiharbeiter sind Betriebsbürger zweiter Klasse. In diesem Sinne sind Werkvertragsbeschäftigte gar keine Betriebsbürger.«

Industrielle Beziehungen. Zeitschrift für Arbeit, Organisation und Management, 1/2014, 128 Seiten, Jahresabo: 80 Euro. http://www.Hampp-Verlag.de“

via 25.02.2014: Mit Werkvertrag, ohne Bürgerrechte (Tageszeitung junge Welt); Quelle des Orginalbeitrages: Ulrich Brinkmann, Oliver Nachtwey: Prekaere Demokratie? Zu den Auswirkungen atypischer Beschaeftigung auf die betriebliche Mitbestimmung, in: Industrielle Beziehungen – Zeitschrift fuer Arbeit, Organisation und Management – The German Journal of Industrial Relations, 2014, vol. 21, issue 1, pages 78-98

Temporary Agency Work in Ireland


Australian construction worker, Conor O’Gorman, talks about his experiences as an agency worker in Ireland.“ (Source: youtube; thanks to Ingo Winkler for recommending this video)

There is no need to explain this…

„Ausweichmanöver: Die neuen Tricks der Zeitarbeitsbranche“ – Beitrag von MONITOR v. 24.11.2011

Das Fernsehmagazin MONITOR berichtete am 24.11.2011 über „die neuen Tricks der Zeitarbeitsbranche“. Nach den Recherchen von MONITOR verrechnet das Leiharbeitsunternehmen Randstad einsatzfreie Zeiten mit dem Zeitkonto der Leiharbeiter. Dies ist gesetzeswidrig.  In dem Beitrag von MONITOR kommt Prof. Peter Schüren, Arbeitsrechtler an der Universität Münster zu Wort: „Randstad muss die Zeiten zwischen einzelnen Arbeitseinsätzen ebenfalls bezahlen. Und mit diesem Konto wird genau das vermieden. Man gibt den Leuten das, was sie bereits vorher verdient haben und deklariert das als Arbeitseinkommen der Zwischenzeit. Das ist nicht in Ordnung, das ist mit dem Gesetz so nicht vereinbar und steht auch im Tarifvertrag nicht drin. Das hat Randstad sich in einer Betriebsvereinbarung und im Arbeitsvertrag selbst gebastelt.“

Randstad bestreitet diese Vorwürfe. MONITOR verweist auf Arbeitsverträge von Randstad, in denen es heißt:  „Der Ausgleich von Zeitkonto-Plusstunden erfolgt in einsatzfreien Zeiten durch Freizeit;
sofern keine Plusstunden vorliegen, bauen sich Minusstunden auf.“ (Quelle: MONITOR)

Den MONITOR-Beitrag kann man hier ansehen.

 

Das bedeutet Wirtschaftswachtstum…

322 Tsd. Stellen mehr von 2009 auf 2010 (siehe Tabelle). Das ist ein Anstieg von 1,1%. Schlecht ist: Mehr als die Hälfte des Beschäftigungszuwachses (57%) entfällt auf Leiharbeit. Hier ist ein Anstieg von fast 33% zu verzeichnen. Nimmt man andere atypische Beschäftigungsformen hinzu, dann sind es sogar 75% der neu entstandenen Arbeitsplätze, bei denen die Beschäftigten keinen „normalen“ Arbeitsvertrag haben.

Beschäftigtengruppe Veränderung von 2009 auf 2010 absolut (in Tsd.) Veränderung von 2009 auf 2010 in Prozent
Beschäftigte insgesamt 322 1,1
Normalerwerbstätige 79 0,3
Befristet Beschäftigte 121 4,6
Teilzeitbeschäftigte 28 0,6
Geringfügig Beschäftigte -57 -2,2
Leiharbeitnehmer/-innen 182 32,5

(Quelle: Statistisches Bundesamt 2011 und eigene Berechnungen, siehe hier die Pressemiteilung mit der entsprechenden Tabelle, aus der die o.a. Zahlen stammen.

Siehe auch: Stellenzuwachs bei Leiharbeitern (bei Handelsblatt.com am 19.07.2011 veröffentlicht

Arme Leiharbeiter

„Jeder achte Leiharbeiter ist arm“ (Taz v. 7.2.2011)

Leiharbeit2011

(Die Tabelle habe ich nach Daten der DGB-Studie von Wilhelm Adamy zusammengestellt (DGB 2011: Niedriglohn und Lohndumping im Verleihgewerbe, DGB Abteilung Arbeitsmarkt aktuell, Berlin, download hier.))