Marx-Ratio. Wiederkehr der Ausbeutungsrate als Indikator (Forschungsskizze #1)

Marx-Ratio. Wiederkehr der Ausbeutungsrate als Indikator1

Vieles ist zu seinem 200. Geburtstag über Karl Marx und seine Theorien geschrieben worden. Besonders beeindruckt hat mich ein recht schlichter Vorschlag von Neil Irvin (Irwin 2018), der in einem Artikel in der New York Times vorschlägt, die Ausbeutungsrate von Unternehmen zu untersuchen. Irwin spricht vom „Marx Ratio“.

„The Marx Ratio, as we’re calling it, captures the relationship between a company’s profits — the return to capital, on a per-employee basis — and how much its median employee is compensated, a rough proxy for the return to labor. Companies with high Marx Ratios offer particularly strong rewards to their shareholders relative to workers“ (Irwin 2018).

Der Marx-Quotient ist nicht mit der Marx’schen Ausbeutungsrate identisch ist (Ruccio 2018), allerdings sieht auch Ruccio den Quotienten als eine Art Proxy-Variable an. (Vor rund vierzig Jahren hat übrigens das Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF) einen sehr ähnlichen Indikator vorgeschlagen; vgl. Schmidt 1975: 136;  das Buch hat mir in meinem Studium den mir zunächst trocken erscheinenden Stoff der Bilanzanalyse genießbar gemacht.)

Irwin (2018) selbst weist auf einige Probleme des Marx-Ratio hin: Zum einen müsse man den Kapitaleinsatz mit berücksichtigen, zum anderen ergibt die Ausbeutungsrate wenig Sinn, wenn ein Unternehmen Verluste macht. Hinzuzufügen ist, dass sicher auch die Verhandlungsposition der Gewerkschaften und die (regionale) Arbeitsmarktlage einen Einfluss auf den Marx-Quotienten haben dürften. Eine statistische Kontrolle des Effekts solcher Größen ließe sich aber in multivariaten Analysen durchführen.

Forschungsfragen

Interessant wären über die reine Deskription hinaus Antworten auf die folgenden Fragen, die ich in Tabellenform zusammengestellt habe. Die Fragen und Einflussgrößen sind selbstverständlich nicht abschließend gemeint ist, auch sind die Überlegungen wenig theoretisch fundiert und daher ad hoc.

Einflussfaktoren Vermuteter Effekt auf den Ausbeutungsgrad (MR) Operationalisierung
Ausmaß der Mitbestimmung der Arbeitnehmer Mitbestimmungsindex (MB-IX) (Scholz und Vitols 2018)
Staatlicher Einfluss Anteil der Aktien, den staatliche Akteure halten
Einfluss von Finanzinvestoren + Anteil der Aktien, den Finanzinvestoren halten
Familienunternehmen, Personengesellschaften Rechtsform
International tätige Unternehmen + Anteil des Umsatzes (der Mitarbeiter) im Ausland
Sitz des Unternehmens in einem Land, das zu den „Liberal Market Economies“ (Hall und Soskice 2001b) zählt + Land des Unternehmenssitzes
…..

 

Interessant wäre also vor allem der Effekt des Governance-Systems der Unternehmen. Dieses sollte einen Unterschied machen, unabhängig von der Kapitalintensität der Produktion und Unternehmensgröße (economies of scale).

So sollten stärker mitbestimmte Unternehmen (immer ceteris paribus) eine geringere Ausbeutungsrate aufweisen. Wenn denn Mitbestimmung Verteilungseffekte hat, dann müsste man dies anhand des MR sehen können. Eine Messgröße ist hier vor allem der MB-IX, der Mitbestimmungsindex der Hans-Böckler-Stiftung, der nicht nur erfasst, ob Unternehmen mitbestimmt sind, sondern auch die Intensität der Mitbestimmung misst (Scholz und Vitols 2018).

Einen ähnlichen Effekt sollte man für den staatlichen Einfluss finden (wenn nicht, wäre dies zumindest für mich enttäuschend). Ein Beispiel könnte in Deutschland VW sein, ein Unternehmen, das stärker als andere staatlichen Einflüssen unterliegt, ohne ein staatliches Unternehmen zu sein. Die Ausbeutungsrate ist vermutlich auch höher, wenn Finanzinvestoren Einfluss nehmen, ebenso bei Unternehmen, die international tätig sind, bei Nicht-Familienunternehmen, und bei Unternehmen, deren Hauptsitz in einen Land ist, das als Liberal Market Economy anzusehen ist (Hall und Soskice 2001a). Der gemeinsame Mechanismus besteht in den höheren Profiterwartungen der Kapitaleigner.

Erste, sehr explorative und nur deskriptive Analysen mit Daten der AMADEUS-Datenbank (die Informationen über 7 Millionen Unternehmen in 38 europäischen Ländern beinhaltet, siehe Bureau van Dijk; https://www.bvdinfo.com/de-de/our-products/company-information/international-products/amadeus) zeigen zum einen eine erhebliche Varianz im Ausbeutungsgrad. Zum anderen deuten einfache Korrelationsrechnungen darauf hin, dass Unternehmen mit einer hohen Ausbeutungsrate auch weniger Steuern zahlen. Allerdings sind diese Befunde (noch) nicht belastbar, es sind unbedingt tiefergehende Analysen mit Kontrollvariablen (Branche, Rechtsform, Kapitalintensität etc.) erforderlich.

Auf jeden Fall stellt das Marx-Ratio bzw. die Ausbeutungsrate eine interessante Variable dar, zu der Informationen vorliegen, obwohl Daten aus Bilanzen und der Gewinn- und Verlustrechnung in erster Linie vor dem Hintergrund von Kapitalverwertungsinteressen zustande kommen. Aber Ausbeutung ist schließlich ein (objektives) Interesse des Kapitals.

 

Literaturverzeichnis

Hall, P. A.; Soskice, D. (2001a): An Introduction to Varieties of Capitalism. In: P. A. Hall und D. Soskice (Hg.): Varieties of Capitalism. The Institutional Foundations of Comparative Advantage. Oxford: Oxford University Press, S. 1–68.

Hall, P. A.; Soskice, D. (Hg.) (2001b): Varieties of Capitalism. The Institutional Foundations of Comparative Advantage. Oxford: Oxford University Press.

Irwin, Neil (2018): Is Capital or Labor Winning at Your Favorite Company? Introducing the Marx Ratio. In: The New York Times, 21.05.2018. Online verfügbar unter https://www.nytimes.com/interactive/2018/05/21/upshot/marx-ratio-median-pay.html, zuletzt geprüft am 31.07.2018.

Ruccio, David (2018): Marx Ratio. Online verfügbar unter https://rwer.wordpress.com/2018/05/30/marx-ratio/.

Schmidt, Dieter (1975): entschleierte profite. Bilanzlesen leichtgemacht. 3. Aufl. Frankfurt a.M.: Nachrichten-Verlag.

Scholz, Robert; Vitols, Sigurt (2018): Der MB-IX in börsennotierten Unternehmen. Mitbestimmungsreport Nr. 43. Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung.

 

1. Die obigen Überlegungen sind als eine Art Forschungsskizze zu verstehen. Vielleicht werde ich hier künftig weitere solche Skizzen posten, daher die Nummerierung mit #1. (Ein wenig hat mich Stanislaw Lems Idee der Rezension seiner eigenen ungeschriebenen Bücher animiert. Lem jedenfalls hatte mehr Ideen als Zeit, sie auch in Buchform zu realisieren.)

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Interessanter Blogbeitrag von Jürgen Weibler: „Sklaverei ist längst nicht Geschichte“

Auf dem Blog http://www.leadership-insiders.de  findet sich ein interessanter Beitrag über eine extreme Form der Ausbeutung: Sklaverei. Der Autor, Jürgen Weibler, weist darauf hin, dass Sklaverei keineswegs überwunden ist:

„Laut dem Global Slavery Index (GSI) fristeten in 2016 40.3 Millionen ihr Dasein in ausgelieferter Unfreiheit (davon 24.9 Mio. in Zwangsarbeit), wobei andere Schätzungen in Ermangelung einer verbindlichen Rechtsdefinition Werte zwischen 12 und 250 Millionen ausweisen.“ (https://www.leadership-insiders.de/sklaverei-ist-laengst-nicht-geschichte-fuehrungswissen-zum-mitreden)

Der Autor diskutiert – unter Verwendung von Literatur, deren Lektüre mir sehr lohnend erscheint – u.a., wie Unternehmen in die Verantwortung genommen werden können. Dazu könnten gesetzliche Regelungen zweckmäßig sein, die Unternehmen verpflichten, ihre Maßnahmen gegen Sklaverei zu dokumentieren. Im US-Bundestaat Kalifornien gelten bereits entsprechende Vorschriften.

Solche Maßnahmen sind eine gute Sache. Aber muss man nicht weitergehen? Ich will zwei Punkte zur Diskussion  stellen:

(1) Im Artikel wird auf die Berichte hingewiesen, die über die Unternehmen erstellt und dann veröffentlicht werden (http://www.ipoint-systems.com/newsroom/news-detail/companies-anti-slavery-performance-improves-ipoint-funded-study-reveals). Interessant wäre allerdings nicht nur die Veröffentlichung der Namen derjenigen Unternehmen, die bei der Erfüllung dieser Berichtspflichten gut abschneiden, sondern auch die Nennung der Namen der Unternehmen, die schlecht abschneiden. Für Unternehmensberatungen mag es sinnvoll sein, (gegen ein sicher nicht geringes Entgelt) entsprechende Reports zu erstellen und diejenigen Unternehmen hervorzuheben, die den Kriterien in hohem Maße entsprechen. Nähme man das Gebot der Transparenz allerdings ernst, würde man die Bewertungen aller Unternehmen  veröffentlichen.

(2) Wie kämen solche Regelungen, wie sie in dem Artikel zu Recht befürwortet werden, in einem Fall wie der Sklaverei in Katar zum Tragen, wären sie wirksam? Nicht nurAmnesty weist darauf hin: „… im Golfstaat Katar [werden] Tausende Arbeitsmigranten ausgebeutet [..], um die Infrastruktur für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 aufzubauen. In einigen Fällen kommen die Arbeitsbedingungen in Katar Zwangsarbeit gleich. Der Fußballweltverband FIFA weiß von diesen Menschenrechtsverstößen und hat bisher dennoch dabei versagt, eine weitere Ausbeutung von Arbeitsmigranten zu verhindern“ (https://www.amnesty.de/2016/3/31/katar-ausbeutung-von-arbeitsmigranten-fuer-fussball-wm-2022). Die FIFA weist die Verantwortung interessanterweise den Unternehmen zu; ihr Präsident Blatter sagte am 2.12.2014 laut The Guardian: „Speaking during a visit to Sri Lanka, the Fifa president said the workers were employed by companies from Germany, France and other European countries and ‚they are responsible for their workers and not Fifa'“ (https://www.theguardian.com/football/2014/dec/02/sepp-blatter-fifa-responsibility-workers-qatar-world-cup). Wer profitiert vom Geschäft mit der Weltmeisterschaft, von den Bauprojekten etc.? Die FIFA gewiss, zudem viele deutsche Unternehmen (eine Beschreibung einiger Aktivitäten und Verweise auf Stellungnahmen von Unternehmen, aber auch der FIFA, hat Human Rights Watch gesammelt; vgl. https://business-humanrights.org/en/who-is-doing-what-qatar-2022). Wie kann wie dem Fall von Katar vorgegangen werden? Diese Frage ist sicher nicht leicht zu beantworten. Aber Regelungen, die Unternehmen dazu verpflichten, Maßnahmen gegen Sklaverei lediglich zu berichten, sind allein kaum ausreichend.

Quelle des Blogbeitrages: https://www.leadership-insiders.de/sklaverei-ist-laengst-nicht-geschichte-fuehrungswissen-zum-mitreden/

New paper: Empirical study on „the voluntary precariat in the value chain“ – home-based garment production in Turkey

„This article explores the organizational characteristics and distinctive settings of the labour process of home-based garment work in the context of embedded control and consent relations in local garment productions in Turkey. Using Turkey as the case example of a garment export country in the global economy, the article explores the nature and organization of home-based piecework at the micro level within a broader global garment production chains perspective. Conducted in two Turkish cities, the study analyses the different cultural backgrounds of female workers and two distinct types of work, namely hand stitching and machine sewing of garments. The findings highlight the relationship between the cultural backgrounds of workers and the different types of work they undertake with control and consent practices as well as the patriarchal societal structure and relations in the context of local labour control regimes.“

Source: Tartanoğlu, Şafak (2017): The voluntary precariat in the value chain. The hidden patterns of home-based garment production in Turkey. In: Competition & Change. DOI: 10.1177/1024529417745475.

Wool Works – Manhattan Marxism / Exploitation / Strange Teaching / art project by Rainer Ganahl

The artist Rainer Ganahl addresses exploitation by comparing the preindustrial way of producing woolen products with the products and processes using computer-aided knitting maschines. His aim is „to raise consciousness about the manifold complicated hidden production processes that enter the consumer products we purchase at department stores for little money“ (http://strangeteaching.info/porto_exploitation.html, see also: http://ganahl.info).

„MANHATTAN MARXISM / WOOL WORKS / EXPLOITATION
STRANGE TEACHING / WOOL WORKS / EXPLOITATION

a project developed for PANORAMA BOA VISTA, Porto, Portugal, March 2017

FROM PRESS RELEASE:

Rainer Ganahl – Manhattan Marxism / Wool Works / Exploitation / Strange Teaching / Wool Works / Exploitation – Opening Wednesday, Apr 12, 10pm

In this exhibition, Rainer Ganahl combines his projects Manhattan Marxism and Strange Teaching, emphasizing the aspect of exploitation. …

Manhattan Marxism has previously taken place at Kunstmuseum Lichtenstein (2012), White Columns, New York (2013), and De Vleshaal, Middelburg (2014). Ganahl is interested in Karl Marx as a theoretician and as a metaphor for a more just world. He is interested in convivial spaces to be shared with others.

His guiding idea for the Porto edition of Manhattan Marxism consists of working with wool in a preindustrial way. The students spin, make felt and produce works from scratch that compare and compete with five machine-knitted pieces that are made possible with the help of STOLLs knitting computers. The work process is documented and quantified. Thus, it is meant to raise consciousness about the manifold complicated hidden production processes that enter the consumer products we purchase at department stores for little money. Like a Do It Yourself (Marxian) superstructure, a series of guest lectures with visiting local and international artists and critics, as well a presentation by the participating students, accompany the hard and restless labor of the unpaid work program.

Ganahl’s exhibition is complemented with a separate show of works by the selection of students from the  AbK-Stuttgart and FBAU Porto who volunteered to be „exploited“ by the artist.“ (Source: http://strangeteaching.info/porto_exploitation.html; the picture you may find here: http://strangeteaching.info/strange/mm_marx_0677s.jpg; Danke an Hannes für den Hinweis).

„Our Cotton Colonies“ – interesting article in „In These Times“

Our Cotton Colonies

We follow a T-shirt’s supply chain from Burkina Faso to Bangladesh to your local mall—and back again. ..

Dourtenga cotton harvest

The history of cotton is tightly braided into the history of Western capitalism. A major thread of the British Empire, the crop helped weave the efficient and ruthless structures of today’s globalized economy. The T-shirts we buy at retailers like Gap and H&M may feel far removed from the bloody past of a crop synonymous in

the 19th century with slavery and sweatshops. But when one follows the global supply chain of cotton growers, workers, traders and factory owners, it becomes increasingly apparent that capitalism has not, in fact, traveled far at all from its bloody origins.

Cotton is a flexible crop. It will grow anywhere rain is plentiful and temperatures remain above freezing for at least 200 days a year. Archaeological records show that humans have cultivated it for millennia in Africa, India, Central America and South America. As early as the 7th-century B.C.E., Herodotus described the army of Xerxes I of Persia wearing clothes of exceptional beauty “made of wool that grew on trees.”

Europe was late to the game, relying on linen, flax, silk and wool through much of the Renaissance. When the English India Company brought cheap and colorful calico and chitz to Britain in the second half of the 17th century, they were an instant hit. Europeans loved that the lively colors didn’t fade with the first washing.

To squash this new competition, European textile producers used all kinds of leverage against the Indian cotton industry. France outlawed cotton entirely in 1686; England passed a partial ban on Indian cotton in 1701 and a stricter ban in 1721; Spain, Prussia and other nations followed suit with various restrictions.

Businessmen eventually saw an opportunity for profit, however, and began building a European cotton industry grounded in colonialism and slavery. The cheap cotton harvested by enslaved people in North America allowed Britain to undercut India’s prices. According to historian Gene Dattel, Britain was importing 1.2 billion pounds of cotton annually from North America by 1860. Nearly 1 million workers in Britain’s mills and factories rendered the cotton into garments that made up 40 percent of national exports.

“Cotton,” writes Dattel in Cotton and Race in the Making of America, “was the single most important contributor to Britain’s economic power and its rise to preeminence as a world empire.” Cotton became a springboard for the Industrial Revolution, and for a global economy that favored limitless accumulation of capital.

Today, cotton crops occupy about 2.5 percent of the world’s arable land. The industry is the primary source of income for hundreds of millions of farmers and factory workers. That income is typically meager, however. Cotton workers are the perennial losers in a global race to the bottom. Multinational clothing companies seek out the cheapest textile manufacturing hubs. Factories, in turn, buy the cheapest cotton they can find. Any added expenses, including higher wages, may prompt buyers to flee to ever-cheaper factories—sometimes leaving entire national economies in tatters.

In These Times followed the cotton life cycle from the fields of Burkina Faso to the factories of Bangladesh to the sales racks of Slovenia. Along the way, we spoke with the people who make the shirts, jeans and countless other items you wear every day, to understand the real wages of cotton…“

Source: Quote from: Meta Krese, Photography by Jošt Franko: Our Cotton Colonies. In: In These Times, April | March 20, 2017; http://inthesetimes.com/features/cotton_manufacturing_labor_exploitation.html, 27.3.2017

Picture: von KKB (Eigenes Werk) [GFDL oder CC BY-SA 4.0-3.0-2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons; https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ADourtenga_cotton_harvest.JPG

Näherinnen in Indien können 50% mehr Lohn bekommen – „jetzt liegt es an den Konsumierenden“…

Auf der Webseite des Fair Share-Pilotprojektes heißt es:

„Wir alle wissen: In vielen Produktionsländern sind die vom Staat festgelegten Löhne zu niedrig für ein anständiges Leben der NäherInnen. Was aber ist ein fairer – also existenzsichernder – Lohn? Und was bedeutet die Zahlung fairer Löhne für ein T-Shirt?

Gemeinsam mit Continental Clothing und BSD Consulting haben wir in dem FAIR SHARE Pilotprojekt recherchiert, was ein fairer, existenzsichernder Lohn in Tirupur in Südindien bedeuten würde. Nach unseren Recherchen sollten NährerInnen mit dem geringsten Einkommen in der Fabrik gut 50% mehr Lohn bekommen als der Staat aktuell vorschreibt. Bei bei der Produktion eines T-Shirts bedeuten 50% mehr Lohn aufgrund der niedrigen Löhne nur knapp 10 Cents mehr Kosten.

Continental Clothing wird nun sehr bald zusammen mit uns die FAIR SHARE T-Shirts lancieren. Pro T-Shirt zahlt Continental Clothing der Fabrik 14 Cents mehr für höhere Löhne der ArbeiterInnen. Das Geld wird unter allen ArbeiterInnen in der Nähfabrik des Lieferanten verteilt. Seit Januar 2016 bekommen die ArbeiterInnen einen höheren Lohn, der bisher leider nur einen Teil eines Living Wages darstellt (also „FAIR SHARE“), weil es sich um ein Pilotprojekt mit gut 100.000 Stück handelt. Die Fabrik produziert aber viel mehr. Wenn wir das Pilot-Projekt ausweiten können, dann werden alle NäherInnen einen fairen Lohn bekommen.

Jetzt liegt es an den Konsumierenden, ob sie bereit sind, etwas mehr Geld für ein T-Shirt zu zahlen, bei dem faire Löhne gezahlt werden. Bis auf das Alta Gracia Projekt kennen wir bisher kein Projekt, das bei einfachen Produkten wie T-Shirts faire Löhne zahlt, obwohl es im Prinzip so einfach ist.

Mit unserer FAIR SHARE Kampagne würden wir gerne zeigen, dass Konsumierenden und grünen Concept Stores faire Löhne wichtig sind – und dass Konsumierende und Firmen bereit sind, ein paar Cents mehr für einen fairen Lohn zu zahlen. Wir suchen Shops, die FAIR SHARE T-Shirts verkaufen und helfen, Konsumierende über die Hintergründe fairer/unfairer Löhne informieren.“
Quelle: http://www.getchanged.net/de/magazin/aktuell/faire-loehne-sind-moeglch-4533.html

Hier näht Herr Minister Müller.

Hier näht Herr Minister Müller.

Wer mag, kann die Kampagne hier unterstützen: www.getchanged.net/fairshare-campagne.  Aber: Ist das wirklich genug? Und was wird nicht getan, was wären Alternativen? Hier einige Gedanken:
1. Liegt es an den Konsumierenden? –  Es ist irreführend, den Konsumenten die Verantwortung zuzuschreiben: „Jetzt liegt es an den Konsumierenden“. Nach dem Motto: Wir, das Unternehmen, tun  etwas. Nun kauft unsere Kleidung und nicht die unserer Konkurrenten. Wenn ihr, liebe Konsumierende, nicht bei uns kauft, seid ihr Schuld an den niedrigen Löhnen. – Dies lenkt ab von Alternativen und hat (zumindest auch, wenn nicht sogar hauptsächlich) die Funktion einer Marketingkampagne.
2. Alle Maßnahmen sind freiwillig. Man kann, muss den selbst geschaffenen Regeln nicht folgen. Das ist aber zu wenig.  – Wie bei vielen durchaus positiven Initiativen, etwa dem „Bündnis für nachhaltige Textilien“ (https://www.textilbuendnis.com/de/) geht es um freiwillige Maßnahmen. So verpflichten sich die Unternehmen des Textilbündnisses dazu, Maßnahmenpläne zu erarbeiten, wie sie die Bedingungen in ihrer Zuliefererkette verbessern wollen. Freiwillige Maßnahmen können leicht von den Unternehmen wieder aufgegeben werden, es liegt in ihrem Ermessen, etwas zu tun oder nicht. Gestritten wird im „Textilbündnis“ unter anderem darum, inwieweit die Pläne veröffentlicht werden sollen  (siehe dazu  den Artikel „14 Cent pro T-Shirt lösen das Problem“ von Hannes Koch in der TAZ vom 30.6.2016, S. 7, der mich auch zu diesem Blogpost inspiriert hat). Die  WELT (http://www.welt.de/debatte/kommentare/article133359990/Das-Buendnis-fuer-nachhaltige-Textilien-ist-weltfremd.html) kritisierte  übrigens bei  Gründung des „Textilsbündnisses“ 2014 , dass dieses „weltfremd“ (also: WELt-fremd…) sei.
3.  Von Initiativen, die nicht auf Freiwilligkeit setzen, wird durch die oben genannten und ähnliche Aktionen abgelenkt.  Geeignetere oder zumindest parallel zu verfolgende Maßnahmen sind in den Anträgen der Oppostion im Bundestag enthalten:

„Ausgangspunkte der Debatte waren ein Antrag der Fraktion Die Linke (18/5203, 18/6181) und ein Antrag von Bündnis 90/Die Grünen (18/7881). In dem mit den Stimmen von CDU/CSU und SPD (bei Enthaltung von Bündnis 90/Die Grünen) abgelehnten Linken-Antrag wird verlangt, dass deutsche Unternehmen, die im Ausland produzieren oder produzieren lassen, gesetzlich verpflichtet werden „menschenrechtliche und umwelttechnische Sorgfaltspflichten“ einzuhalten.

An die zuständigen Ausschüsse wurde der Antrag von Bündnis 90/Die Grünen überwiesen. Darin setzt sich die Fraktion für mehr Transparenz in der Textilproduktion ein. Die Bundesregierung wird aufgefordert, sich auf EU-Ebene für die Schaffung einer entsprechenden Richtlinie einzusetzen. Damit sollen europäische und auf dem europäischen Markt agierende Textilunternehmen verpflichtet werden, ein System aufzubauen, sodass die gesamte Produktions- und Lieferkette eines Produkts und seiner Bestandteile in allen Fertigungsstufen nachverfolgt werden kann. (fla/14.04.2016)“
Quelle: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2016/kw15-de-textilproduktion/417620

 

„Reinigungskräfte an der Duisburger St. Anna Klinik: Wenn man (bestenfalls) die Hälfte der Arbeitszeit bezahlt bekommt…“

Ich erlaube mir, hier einen Artikel von Labournet zu übernehmen:

„„Die Betroffenen haben Arbeitsverträge von gerade einmal einer halben Stunde pro Woche. Das ist in der Branche nicht unüblich – aber in Duisburg arbeiten die Beschäftigten tatsächlich zwischen drei und 4,5 Stunden täglich“, sagt Heike Stoffels. Ausbezahlt würden aber maximal zwei Stunden pro Tag“ – einer der zahlreichen Fakten in der Pressemitteilung „IG BAU: „Haarsträubende Zustände“ für ausländische Beschäftigte: Reinigungskräfte an Duisburger St. Anna-Krankenhaus um Lohn geprellt“  der IG BAU Rheinland vom 30. März 2016, worin es einleitend ausserdem heißt: „Mehrere bulgarische Beschäftigte der Bonner Firma Malta Clean & Service GmbH (MCS) müssten unbezahlte Mehrarbeit leisten und fachfremde Arbeiten machen, berichtet Gewerkschaftssekretärin Heike Stoffels

Siehe dazu auch: „Wir werden ausgebeutet“ am 03. März 2016 im LabourNet Germany, worin es unter anderem heißt: „Ganz typisch für diese Branche ist, dass die Beschäftigten einen Arbeitsvertrag mit einer täglichen Arbeitszeit von max. 3-4 Std. bekommen, aber dennoch 5-8 Stunden täglich arbeiten. Krankheitstage werden oft bei Minijobbern nicht gezahlt. Ein anderes großes Problem der Beschäftigten, ist die sogenannte Arbeitsverdichtung…““ (Quelle: http://www.labournet.de/?p=95677)