Hans-Böckler-Stiftung: Atlas der Arbeit zeigt moderne Sklaverei

Lieferkettengesetz verabschieden – Unternehmen in die Verantwortung nehmen

Zwei von vielen Beispielen, die zeigen, dass ein Lieferkettengesetz nötig ist. Freiwillige Erklärungen von Unternehmen reichen nicht aus.

Textilindustrie

„Wenn an diesem Black Friday und Cyber Monday wieder millionenfach heruntergesetzte Textilien über Ladentheken geschoben oder online bestellt werden, wird die Lage der Textilarbeiterinnen in Bangladesch das Letzte sein, woran die Schnäppchenjäger*innen dabei denken. Man muss sie immer wieder daran erinnern, genauso wie die großen Textilkonzerne, die diese Bedingungen mit zu verantworten haben. Ein Lieferkettengesetz, wie es derzeit die Initiative Lieferkettengesetz fordert, zu deren Trägerorganisationen auch ver.di gehört, könnte sie zukünftig für ihre Geschäftspraktiken haftbar machen. Und zwar entlang ihrer gesamten Liefer- und Produktionskette.“ (https://www.verdi.de/themen/internationales/initiative-lieferkettengesetz)

Staudammbruch in Brasilien

Aktionstag für Menschenrechte


„Ein Jahr Nebenjob als Uber-Fahrer: Von Handgreiflichkeiten und Hungerlohn“

Der USA-Korrespondent Friedemann Diederichs berichtet in der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 11.5.2019: „Ein Jahr Nebenjob als Uber-Fahrer: Von Handgreiflichkeiten und Hungerlohn“ (den Hinweis auf den Artikel verdanke ich dem Tweet von Stefan Sell, siehe unten). Mehr über Uber siehe auch hier.

Marx-Ratio. Wiederkehr der Ausbeutungsrate als Indikator (Forschungsskizze #1)

Marx-Ratio. Wiederkehr der Ausbeutungsrate als Indikator1

Vieles ist zu seinem 200. Geburtstag über Karl Marx und seine Theorien geschrieben worden. Besonders beeindruckt hat mich ein recht schlichter Vorschlag von Neil Irvin (Irwin 2018), der in einem Artikel in der New York Times vorschlägt, die Ausbeutungsrate von Unternehmen zu untersuchen. Irwin spricht vom „Marx Ratio“.

„The Marx Ratio, as we’re calling it, captures the relationship between a company’s profits — the return to capital, on a per-employee basis — and how much its median employee is compensated, a rough proxy for the return to labor. Companies with high Marx Ratios offer particularly strong rewards to their shareholders relative to workers“ (Irwin 2018).

Der Marx-Quotient ist nicht mit der Marx’schen Ausbeutungsrate identisch ist (Ruccio 2018), allerdings sieht auch Ruccio den Quotienten als eine Art Proxy-Variable an. (Vor rund vierzig Jahren hat übrigens das Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF) einen sehr ähnlichen Indikator vorgeschlagen; vgl. Schmidt 1975: 136;  das Buch hat mir in meinem Studium den mir zunächst trocken erscheinenden Stoff der Bilanzanalyse genießbar gemacht.)

Irwin (2018) selbst weist auf einige Probleme des Marx-Ratio hin: Zum einen müsse man den Kapitaleinsatz mit berücksichtigen, zum anderen ergibt die Ausbeutungsrate wenig Sinn, wenn ein Unternehmen Verluste macht. Hinzuzufügen ist, dass sicher auch die Verhandlungsposition der Gewerkschaften und die (regionale) Arbeitsmarktlage einen Einfluss auf den Marx-Quotienten haben dürften. Eine statistische Kontrolle des Effekts solcher Größen ließe sich aber in multivariaten Analysen durchführen.

Forschungsfragen

Interessant wären über die reine Deskription hinaus Antworten auf die folgenden Fragen, die ich in Tabellenform zusammengestellt habe. Die Fragen und Einflussgrößen sind selbstverständlich nicht abschließend gemeint ist, auch sind die Überlegungen wenig theoretisch fundiert und daher ad hoc.

Einflussfaktoren Vermuteter Effekt auf den Ausbeutungsgrad (MR) Operationalisierung
Ausmaß der Mitbestimmung der Arbeitnehmer Mitbestimmungsindex (MB-IX) (Scholz und Vitols 2018)
Staatlicher Einfluss Anteil der Aktien, den staatliche Akteure halten
Einfluss von Finanzinvestoren + Anteil der Aktien, den Finanzinvestoren halten
Familienunternehmen, Personengesellschaften Rechtsform
International tätige Unternehmen + Anteil des Umsatzes (der Mitarbeiter) im Ausland
Sitz des Unternehmens in einem Land, das zu den „Liberal Market Economies“ (Hall und Soskice 2001b) zählt + Land des Unternehmenssitzes
…..

 

Interessant wäre also vor allem der Effekt des Governance-Systems der Unternehmen. Dieses sollte einen Unterschied machen, unabhängig von der Kapitalintensität der Produktion und Unternehmensgröße (economies of scale).

So sollten stärker mitbestimmte Unternehmen (immer ceteris paribus) eine geringere Ausbeutungsrate aufweisen. Wenn denn Mitbestimmung Verteilungseffekte hat, dann müsste man dies anhand des MR sehen können. Eine Messgröße ist hier vor allem der MB-IX, der Mitbestimmungsindex der Hans-Böckler-Stiftung, der nicht nur erfasst, ob Unternehmen mitbestimmt sind, sondern auch die Intensität der Mitbestimmung misst (Scholz und Vitols 2018).

Einen ähnlichen Effekt sollte man für den staatlichen Einfluss finden (wenn nicht, wäre dies zumindest für mich enttäuschend). Ein Beispiel könnte in Deutschland VW sein, ein Unternehmen, das stärker als andere staatlichen Einflüssen unterliegt, ohne ein staatliches Unternehmen zu sein. Die Ausbeutungsrate ist vermutlich auch höher, wenn Finanzinvestoren Einfluss nehmen, ebenso bei Unternehmen, die international tätig sind, bei Nicht-Familienunternehmen, und bei Unternehmen, deren Hauptsitz in einen Land ist, das als Liberal Market Economy anzusehen ist (Hall und Soskice 2001a). Der gemeinsame Mechanismus besteht in den höheren Profiterwartungen der Kapitaleigner.

Erste, sehr explorative und nur deskriptive Analysen mit Daten der AMADEUS-Datenbank (die Informationen über 7 Millionen Unternehmen in 38 europäischen Ländern beinhaltet, siehe Bureau van Dijk; https://www.bvdinfo.com/de-de/our-products/company-information/international-products/amadeus) zeigen zum einen eine erhebliche Varianz im Ausbeutungsgrad. Zum anderen deuten einfache Korrelationsrechnungen darauf hin, dass Unternehmen mit einer hohen Ausbeutungsrate auch weniger Steuern zahlen. Allerdings sind diese Befunde (noch) nicht belastbar, es sind unbedingt tiefergehende Analysen mit Kontrollvariablen (Branche, Rechtsform, Kapitalintensität etc.) erforderlich.

Auf jeden Fall stellt das Marx-Ratio bzw. die Ausbeutungsrate eine interessante Variable dar, zu der Informationen vorliegen, obwohl Daten aus Bilanzen und der Gewinn- und Verlustrechnung in erster Linie vor dem Hintergrund von Kapitalverwertungsinteressen zustande kommen. Aber Ausbeutung ist schließlich ein (objektives) Interesse des Kapitals.

 

Literaturverzeichnis

Hall, P. A.; Soskice, D. (2001a): An Introduction to Varieties of Capitalism. In: P. A. Hall und D. Soskice (Hg.): Varieties of Capitalism. The Institutional Foundations of Comparative Advantage. Oxford: Oxford University Press, S. 1–68.

Hall, P. A.; Soskice, D. (Hg.) (2001b): Varieties of Capitalism. The Institutional Foundations of Comparative Advantage. Oxford: Oxford University Press.

Irwin, Neil (2018): Is Capital or Labor Winning at Your Favorite Company? Introducing the Marx Ratio. In: The New York Times, 21.05.2018. Online verfügbar unter https://www.nytimes.com/interactive/2018/05/21/upshot/marx-ratio-median-pay.html, zuletzt geprüft am 31.07.2018.

Ruccio, David (2018): Marx Ratio. Online verfügbar unter https://rwer.wordpress.com/2018/05/30/marx-ratio/.

Schmidt, Dieter (1975): entschleierte profite. Bilanzlesen leichtgemacht. 3. Aufl. Frankfurt a.M.: Nachrichten-Verlag.

Scholz, Robert; Vitols, Sigurt (2018): Der MB-IX in börsennotierten Unternehmen. Mitbestimmungsreport Nr. 43. Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung.

 

1. Die obigen Überlegungen sind als eine Art Forschungsskizze zu verstehen. Vielleicht werde ich hier künftig weitere solche Skizzen posten, daher die Nummerierung mit #1. (Ein wenig hat mich Stanislaw Lems Idee der Rezension seiner eigenen ungeschriebenen Bücher animiert. Lem jedenfalls hatte mehr Ideen als Zeit, sie auch in Buchform zu realisieren.)

Interessanter Blogbeitrag von Jürgen Weibler: „Sklaverei ist längst nicht Geschichte“

Auf dem Blog http://www.leadership-insiders.de  findet sich ein interessanter Beitrag über eine extreme Form der Ausbeutung: Sklaverei. Der Autor, Jürgen Weibler, weist darauf hin, dass Sklaverei keineswegs überwunden ist:

„Laut dem Global Slavery Index (GSI) fristeten in 2016 40.3 Millionen ihr Dasein in ausgelieferter Unfreiheit (davon 24.9 Mio. in Zwangsarbeit), wobei andere Schätzungen in Ermangelung einer verbindlichen Rechtsdefinition Werte zwischen 12 und 250 Millionen ausweisen.“ (https://www.leadership-insiders.de/sklaverei-ist-laengst-nicht-geschichte-fuehrungswissen-zum-mitreden)

Der Autor diskutiert – unter Verwendung von Literatur, deren Lektüre mir sehr lohnend erscheint – u.a., wie Unternehmen in die Verantwortung genommen werden können. Dazu könnten gesetzliche Regelungen zweckmäßig sein, die Unternehmen verpflichten, ihre Maßnahmen gegen Sklaverei zu dokumentieren. Im US-Bundestaat Kalifornien gelten bereits entsprechende Vorschriften.

Solche Maßnahmen sind eine gute Sache. Aber muss man nicht weitergehen? Ich will zwei Punkte zur Diskussion  stellen:

(1) Im Artikel wird auf die Berichte hingewiesen, die über die Unternehmen erstellt und dann veröffentlicht werden (http://www.ipoint-systems.com/newsroom/news-detail/companies-anti-slavery-performance-improves-ipoint-funded-study-reveals). Interessant wäre allerdings nicht nur die Veröffentlichung der Namen derjenigen Unternehmen, die bei der Erfüllung dieser Berichtspflichten gut abschneiden, sondern auch die Nennung der Namen der Unternehmen, die schlecht abschneiden. Für Unternehmensberatungen mag es sinnvoll sein, (gegen ein sicher nicht geringes Entgelt) entsprechende Reports zu erstellen und diejenigen Unternehmen hervorzuheben, die den Kriterien in hohem Maße entsprechen. Nähme man das Gebot der Transparenz allerdings ernst, würde man die Bewertungen aller Unternehmen  veröffentlichen.

(2) Wie kämen solche Regelungen, wie sie in dem Artikel zu Recht befürwortet werden, in einem Fall wie der Sklaverei in Katar zum Tragen, wären sie wirksam? Nicht nurAmnesty weist darauf hin: „… im Golfstaat Katar [werden] Tausende Arbeitsmigranten ausgebeutet [..], um die Infrastruktur für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 aufzubauen. In einigen Fällen kommen die Arbeitsbedingungen in Katar Zwangsarbeit gleich. Der Fußballweltverband FIFA weiß von diesen Menschenrechtsverstößen und hat bisher dennoch dabei versagt, eine weitere Ausbeutung von Arbeitsmigranten zu verhindern“ (https://www.amnesty.de/2016/3/31/katar-ausbeutung-von-arbeitsmigranten-fuer-fussball-wm-2022). Die FIFA weist die Verantwortung interessanterweise den Unternehmen zu; ihr Präsident Blatter sagte am 2.12.2014 laut The Guardian: „Speaking during a visit to Sri Lanka, the Fifa president said the workers were employed by companies from Germany, France and other European countries and ‚they are responsible for their workers and not Fifa'“ (https://www.theguardian.com/football/2014/dec/02/sepp-blatter-fifa-responsibility-workers-qatar-world-cup). Wer profitiert vom Geschäft mit der Weltmeisterschaft, von den Bauprojekten etc.? Die FIFA gewiss, zudem viele deutsche Unternehmen (eine Beschreibung einiger Aktivitäten und Verweise auf Stellungnahmen von Unternehmen, aber auch der FIFA, hat Human Rights Watch gesammelt; vgl. https://business-humanrights.org/en/who-is-doing-what-qatar-2022). Wie kann wie dem Fall von Katar vorgegangen werden? Diese Frage ist sicher nicht leicht zu beantworten. Aber Regelungen, die Unternehmen dazu verpflichten, Maßnahmen gegen Sklaverei lediglich zu berichten, sind allein kaum ausreichend.

Quelle des Blogbeitrages: https://www.leadership-insiders.de/sklaverei-ist-laengst-nicht-geschichte-fuehrungswissen-zum-mitreden/

New paper: Empirical study on „the voluntary precariat in the value chain“ – home-based garment production in Turkey

„This article explores the organizational characteristics and distinctive settings of the labour process of home-based garment work in the context of embedded control and consent relations in local garment productions in Turkey. Using Turkey as the case example of a garment export country in the global economy, the article explores the nature and organization of home-based piecework at the micro level within a broader global garment production chains perspective. Conducted in two Turkish cities, the study analyses the different cultural backgrounds of female workers and two distinct types of work, namely hand stitching and machine sewing of garments. The findings highlight the relationship between the cultural backgrounds of workers and the different types of work they undertake with control and consent practices as well as the patriarchal societal structure and relations in the context of local labour control regimes.“

Source: Tartanoğlu, Şafak (2017): The voluntary precariat in the value chain. The hidden patterns of home-based garment production in Turkey. In: Competition & Change. DOI: 10.1177/1024529417745475.

Wool Works – Manhattan Marxism / Exploitation / Strange Teaching / art project by Rainer Ganahl

The artist Rainer Ganahl addresses exploitation by comparing the preindustrial way of producing woolen products with the products and processes using computer-aided knitting maschines. His aim is „to raise consciousness about the manifold complicated hidden production processes that enter the consumer products we purchase at department stores for little money“ (http://strangeteaching.info/porto_exploitation.html, see also: http://ganahl.info).

„MANHATTAN MARXISM / WOOL WORKS / EXPLOITATION
STRANGE TEACHING / WOOL WORKS / EXPLOITATION

a project developed for PANORAMA BOA VISTA, Porto, Portugal, March 2017

FROM PRESS RELEASE:

Rainer Ganahl – Manhattan Marxism / Wool Works / Exploitation / Strange Teaching / Wool Works / Exploitation – Opening Wednesday, Apr 12, 10pm

In this exhibition, Rainer Ganahl combines his projects Manhattan Marxism and Strange Teaching, emphasizing the aspect of exploitation. …

Manhattan Marxism has previously taken place at Kunstmuseum Lichtenstein (2012), White Columns, New York (2013), and De Vleshaal, Middelburg (2014). Ganahl is interested in Karl Marx as a theoretician and as a metaphor for a more just world. He is interested in convivial spaces to be shared with others.

His guiding idea for the Porto edition of Manhattan Marxism consists of working with wool in a preindustrial way. The students spin, make felt and produce works from scratch that compare and compete with five machine-knitted pieces that are made possible with the help of STOLLs knitting computers. The work process is documented and quantified. Thus, it is meant to raise consciousness about the manifold complicated hidden production processes that enter the consumer products we purchase at department stores for little money. Like a Do It Yourself (Marxian) superstructure, a series of guest lectures with visiting local and international artists and critics, as well a presentation by the participating students, accompany the hard and restless labor of the unpaid work program.

Ganahl’s exhibition is complemented with a separate show of works by the selection of students from the  AbK-Stuttgart and FBAU Porto who volunteered to be „exploited“ by the artist.“ (Source: http://strangeteaching.info/porto_exploitation.html; the picture you may find here: http://strangeteaching.info/strange/mm_marx_0677s.jpg; Danke an Hannes für den Hinweis).