Kein Methodenzwang!

Paul Feyerabend über Regeln in der Forschung. Auch der Feyerabend ist aber für Ordnung in der Küche. Oder: Manchmal kann man auch mit dem, was gerade in der Küche ist, ein leckeres, ganz neuartiges Gericht kochen. Kochbücher sind gut, aber auch einengend.

„… one can show the following: given any rule, however ‚fundamental‘ or ‚rational‘, there are always circumstances when it is advisable not only to ignore the rule, but to adopt its opposite. For example, there are circumstances when it is advisable to introduce, elaborate, and defend ad hoc hypotheses, or hypotheses which contradict well-established and generally accepted experimental results, or hypotheses whose content is smaller than the content of the existing and empirically adequate alternative, or self-inconsistent hypotheses, and so on. There are even circumstances – and they occur rather frequently – when argument loses its forward-looking aspect and becomes a hindrance to progress.“ (Feyerabend, P. (1993). Against Method (3. Aufl.). London: Verso: 14f.).

Die dritte, englischsprachige Auflage des Buches „Against Method“ findet man  hier.

Danke an Albert Martin für die Bildmontage.

Die Normen fehlen – fehlen die Normen? Axel Honneth kritisiert Pierre Bourdieu

„Allerdings ist diese Analyse sozialer Herrschaft nun so verfasst, dass sie nicht die moralischen Normen oder Rationalitätsgesichtspunkte zu erkennen gibt, auf die die Kritik sich legitimerweise stützen könnte: Bourdieu analysiert die sozialen Verhältnisse vielmehr stets aus der Perspektive eines Beobachters, der sich gegenüber allen Kämpfen um sozialen Distinktionsgewinn gleichermaßen neutral verhält. Nur in manchen Färbungen seiner Terminologie, in einer minutiösen Abänderung des affektiven Gehalts der Sprache kommt die Sympathie zum Tragen, die er zweifellos für die Bemühungen der Unterschichten um die Wiedergewinnung sozialer Ehre besessen hat.

Aber diese indirekten Bekundungen ändern nichts an der Tatsache, dass Bourdieu nicht über die normative Sprache verfügt, die ihm eine Unterscheidung zwischen gerechtfertigten und ungerechtfertigten, legitimen und illegitimen Ansprüchen auf soziale Anerkennung erlaubt hätte. Die ganze Tradition einer immanenten Kritik, die in der sozialen Wirklichkeit selber die Gesichtspunkte eines begründeten Einspruchs freizulegen versucht, ist ihm zeitlebens fremd geblieben.

Aus diesem Defizit seiner soziologischen Analysen erwächst das Problem, das seinen intellektuellen Stellungnahmen stets etwas Dezisionistisches anhaftet, weil sie nicht aus den normativen Deskriptionen selber erwachsen können, die Theorie enthält intern keine Hinweise, die begründen könnten, warum bestimmte Vorgänge in der sozialen Wirklichkeit normativ abzulehnen oder zu begrüßen sind.“ (Quelle: Axel Honneth 2012: Der Soziologe als Intellektueller, in: TAZ vom 31.1.2012)

Man kann sicher in die Theorie Normen einfügen, dann wird man auch „bestimmte Vorgänge“ bewerten können. Aber woher kommen dann diese Normen, wie werden sie selbst wieder begründet? (Siehe dazu auch den Leserbrief von Olaf Rahmsdorf vom 6.2.12, ebenfalls in der TAZ). – Ohne Honneth zuzustimmen; mir gefällt, dass er einen zentralen Punkt der Kritischen Theorie klar und bündig formuliert. Im Übrigen würden viele Betriebswirte – sicher vor einem anderen Theoriehintergrund und auf anderer normativer Grundlage – die Position teilen, dass aus einer Theorie Aussagen folgen müssen, die geeignet sind, „bestimmte Vorgänge in der sozialen Wirklichkeit normativ abzulehnen oder zu begrüßen“.