Maslow über die Anwendbarkeit seiner Theorie auf die Arbeitswelt

In Teilen der Betriebswirtschaftslehre und in der Arbeits- und Organisationspsychologie gilt Maslows Bedürfnis- und Motivationstheorie als zumindest im Kern zutreffend und man meint, man könne sie auf das Verhalten von Menschen in der Arbeitswelt übertragen. Maslow selbst war hier kritischer:

„My work on motivations came from the clinic, from a study of neurotic people. The carry-over of this theory to the industrial situation has some support from industrial studies, but certainly I would like to see a lot more studies of this kind before feeling finally convinced that this carry-over from the study of neurosis to the study of labor in factories is legitimate. The same thing is true of my studies of self-actualizating people – there is only this one study of mine available. There were many things wrong with the sampling, so many in fact that it must be considered to be, in the classical sense anyway, a bad or poor or inadequate experiment. I am quite willing to concede this – as a matter of fact, I am eager to concede it – because I’m a little worried about this stuff which I consider to be tentative being swallowed whole by all sorts of enthusiastic people, who really should be a little more tentative in the way that I am“ (Maslow,1965: 55).

Gut, man könnte dagegen einwenden, dass Maslow eben nicht richtig eingeschätzt habe, wie generalisierbar seine Theorie ist. Ich meine, man sollte sich Maslows Skepsis zum Vorbild nehmen.

Abraham Harold Maslow (April 1, 1908 – June 8, 1970), American professor of psychology who created Maslow’s hierarchy of needs*

Ich stelle die Bedürfnistheorie von Maslow in Vorlesungen nicht mehr vor, obwohl sie zur Historie der Verhaltenstheorien unabdingbar dazu gehört. Der Grund besteht darin, dass Studierende sich in Prüfungen bei der Frage nach Verhaltenstheorien meist nur an die Maslow’sche Bedürfnispyramide erinnern, während andere und besser bewährte Theorien (wie z.B. die Wert-Erwartungs-Theorien oder die Theorie sozialen Lernens) in den Hintergrund treten. Das mag damit zu tun haben, dass die Darstellung der Maslow’schen Theorie in der grafischen Form dazu beiträgt, dass man sie am leichtesten erinnert. Die einfache Darstellung könnte auch eine Ursache für ihre Verbreitung in der Managementlehre sein: Man bekommt die Darstellung als Pyramide so leicht auf eine Powerpoint-Folie und kann die Grundidee leicht erzählen, das geht mit der Wert-Erwartungs-Theorie oder der Theorie sozialen Lernens nicht so ohne Weiteres. (Abgesehen davon kann man mit der Theorie ganz unterschiedliche sozialtechnologische Aussagen begründen, vgl. dazu Nienhüser 1998). Wie gesagt: Maslow selbst hätte gezögert, Gestaltungsempfehlungen für Betriebe, für Lohnsysteme etwa, zu geben.

Literatur

  • Maslow, A.H. 1965: Eupsychian management. Homewood, IL: Irwin.
  • Nienhüser, W. 1998: Die Nutzung personal- und organisationswissenschaftlicher Erkenntnisse in Unternehmen. Eine Analyse der Bestimmungsgründe und Formen auf der Grundlage theoretischer und empirischer Befunde. In: Zeitschrift für Personalforschung, 1998, 12. Jg., H. 1, S. 21-49. PDF zum download), danke an Rainer Hampp-Verlag; die im PDF fehlende Abbildung von Seite 28 finden Sie hier.
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3 Gedanken zu „Maslow über die Anwendbarkeit seiner Theorie auf die Arbeitswelt

  1. Ich adressiere Maslow in meinen Vorlesungen, verwende aber auch genuegend Zeit darauf, auf die entsprechende Kritik einzugehen. Das im Beitrag vorgestellte Zitat wird mir dabei in Zukunft gute Dienste leisten. Vielen Dank, dafuer! Generell habe ich auch die Erfahrung gemacht, das Studierende zu der Auffassung tendieren: „Motivation, that’s Maslow isn’t it?“ (siehe Tony Watson, 2002). Sobald ich sie aber dazu auffordere, Geld in das Maslowsche Modell einzuordnen, oder darueber zu reflektieren, ob Arbeitgeber ganz generell ein Interesse daran haben, Mitarbeiten die Moeglichkeit zur ’self-actualisation‘ einzuraeumen (mit allen Konsequenzen), dann beginnt das grosse Nachdenken.

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  2. Schöner Beitrag! Ähnliches gilt für das Drei-Ebenen-Modell von Schein, gegen das ich zwar nicht grundsätzlich etwas habe, aber es setzt sich so dermaßen in den Köpfen der Studierenden fest, dass andere Aspekte dabei zu kurz kommen. Mit Maslow machen wir am Lehrstuhl auch diese Erfahrungen.

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