Mitbestimmung bringt Unternehmen mehr Fortschrittsfähigkeit

Demokratie und Fortschrittsfähigkeit

Demokratische Gesellschaften sind fortschrittsfähiger (zum Konzept der Fortschrittsfähigkeit siehe Anmerkung 1 am Textende) als nicht-demokratische. Sie sind lernfähiger; ihnen gelingt es besser, den Bedürfnissen ihrer Mitglieder gerecht zu werden. Der Erfolg von Gesellschaften lässt sich genau daran festmachen: inwieweit es ihnen gelingt, langfristig die Bedürfnisse aller ihrer Mitglieder zu befriedigen. Demokratien weisen bestimmte Grundstrukturen auf. So ist der Abstand zwischen den politisch steuernden Eliten und den „Bürgern“ geringer als in Nicht-Demokratien. Macht, materielle Ressourcen und Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung sind weniger ungerecht verteilt. Wahlen sind ein zentraler Mechanismus der Ausbalancierung von Machtverteilungen. Zu einer Entscheidung über gesellschaftliche Veränderungen zu kommen, dauert in Demokratien wegen der geringeren Machtkonzentration möglicherweise länger als in nicht-demokratischen Gesellschaften. Allerdings sind demokratisch gefällte Entscheidungen leichter umzusetzen, da sie von einem größeren Teil der Mitglieder getragen werden. – Ich gebe zu, dass dies eine recht grobe und idealtypische Skizze ist, aber im Großen und Ganzen dürfte dieser Vorstellung von einer „fortschrittsfähigen“, demokratischen Gesellschaft nur eine Minderheit widersprechen. Ganz anders ist dies, wenn wir über Unternehmen sprechen. Die „herrschende Meinung“ (dies ist allzu oft die der Herrschenden bzw. eine herrschaftsfestigende) sagt uns, dass Unternehmen nicht wie demokratische Gesellschaften zu strukturieren und zu steuern sind. Diese nach wie vor herrschende Meinung ist jedoch falsch.

Auch Unternehmen müssen wie Gesellschaften fortschrittsfähig sein – warum sollten sie anders strukturiert sein als Gesellschaften?

Unternehmen müssen – wie Gesellschaften – fortschrittsfähig sein. Sie müssen lernen können, ihre Mitglieder müssen gemeinsam auf Umweltveränderungen reagieren, und es bedarf der Mobilisierung und Unterstützung aller Beteiligten. Darüber, wie Unternehmen aufgebaut und geführt werden sollten, wird selbstverständlich gestritten. Nach wie vor aber dominiert die Auffassung, nach der Unternehmen nicht wie demokratische Gesellschaften strukturiert und gesteuert werden sollen. Man nimmt an, dass Unternehmen am erfolgreichsten sind, wenn vorrangig die Ansprüche einer Gruppe, der Kapitaleigner, erfüllt werden. Die Bedürfnisse anderer Anspruchsgruppen (insbesondere der Arbeitnehmer, aber auch der Verbraucher, der Bürger bzw. des Staates) würden gleichsam automatisch und am besten befriedigt, wenn man Unternehmen auf eine hohe Kapitalrendite ausgerichtet. Daher sei es richtig, wenn die Ansprüche aller anderen Gruppen denjenigen der Kapitaleigner untergeordnet würden. Folgerichtig soll sich Macht bei dieser Gruppe bzw. den Topmanagern, die die Interessen der Kapitaleigner vertreten, konzentrieren. Arbeitnehmer sollen nach dieser Auffassung an zentralen wirtschaftlichen Entscheidungen möglichst wenig beteiligt sein. Zwar wird auch in diesem Gedankengebäude durchaus gesehen, dass es der Mobilisierung und Unterstützung der Beschäftigten bedarf, um innovativ sein und mit Umstrukturierungen auf Marktveränderungen reagieren zu können. Man weiß: Zumindest Innovationen kann man nicht erzwingen. Daher hält man ein Mindestmaß von Mitbestimmung für notwendig. Allerdings soll diese Mitbestimmung nur Information und Beratung umfassen und wenig echte Mitbestimmungsrechte. Sie soll auf den Arbeitsplatz bezogen sein, freiwillig durch das Management gewährt und nicht gesetzlich garantiert werden. Eine kollektive Repräsentation von Interessen (z.B. über einen von den Arbeitnehmern gewählten Betriebsrat) wird als weniger zweckmäßig erachtet.
Insgesamt sieht dieses Bild von Unternehmen wenig Demokratie vor. Gewollt ist eine starke Konzentration der Macht und eine vorrangige Befriedigung der Bedürfnisse organisationaler Eliten.

Die Vorstellung, dass Unternehmen – anders als Gesellschaften – nicht demokratisch organisiert sein sollen, halte ich für falsch. Eine demokratieferne Unternehmensstruktur widerspricht nicht nur dem Ziel einer umfassenden Demokratisierung der Gesellschaft, sondern ist zudem langfristig ökonomisch-gesamtwirtschaftlich schädlich. Unternehmen müssen für die Gesamtheit ihrer Mitglieder fortschrittsfähig sein. Kapital ist nicht die alleinig wichtige Ressource im Unternehmen. Ansprüche von Kapitaleignern und Topmanagern sind nicht die einzigen, die es zu befriedigen gilt. Erfolgreiche Unternehmen sollen die Ansprüche derjenigen befriedigen, die Ressourcen für die Unternehmen bereitstellen.

Mitbestimmung ist ein zentrales Mittel, um Unternehmen in diesem Sinne fortschrittsfähig zu machen und zu erhalten. Mitbestimmung ist nicht alles, aber ohne Mitbestimmung ist alles nichts – oder doch sehr wenig.

Weitere Argumente sind in meinen Beiträgen unter www.fortschrittsforum.de zu finden:

Anmerkung 1: Ich beziehe mich mit dem Konzept der Fortschrittsfähigkeit vor allem auf die Arbeiten von Amitai Etzioni (Etzioni, A. 1975: Die aktive Gesellschaft. Opladen) und Werner Kirsch und seiner Forschungsgruppe (zusammenfassend dargestellt in: Kirsch, W.; Scholl, W.; Paul, G. 1984: Mitbestimmung in der Unternehmenspraxis. München, sowie in Kirsch, W. 1997: Wegweiser zur Konstruktion einer evolutionären Theorie der strategischen Führung. München). Konzepte der Lernenden Organisation beinhalten ähnliche Aussagen.

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